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Ein vergessener Anfang: Carl Ritter und die "Kolosse von Bamiyan" ©

Zum 220. Geburtag des großen deutschen Geographen

von Markus Mode

Summary:
A forgotten beginning: Carl Ritter and the "colossi of Bamiyan"
- Carl Ritter, the outstanding geographer of the 19th century (and student at Halle's university), is a pioneer in the field of Central Asian archaeology, too. This last mentioned aspect is almost completely forgotten, both by modern geography and archaeology. The geographer was the first one to publish a monograph on the important Buddhist monastery of Bamiyan (Afghanistan), today among the most famous and, at the same time, most endangered, art historic sites of Asia. This year we celebrate Ritter's 220th birthday, the right opportunity to call to mind his Central Asian merits.

Am 7. August 1999 jährt sich der Geburtstag von Carl Ritter zum 220. Mal. Vor 20 Jahren, anläßlich des 200. Jahrestages, feierte die deutsche Wissenschaft den großen Geographen durch eine Ausstellung und durch Konferenzen.[1] "Genius der Geographie" ist Ritter genannt worden.[2] Gleichzeitig aber hat man gemeint, daß er "trotz seines Einflusses und seiner einstigen Geltung (...) heute eine unbekannter Geograph..." sei.[3] Wir können und wollen solche Aussagen aus dem Felde der geographischen Wissenschaftsgeschichtsschreibung nicht beurteilen, jedoch: Ritter ist auch eine Größe in der Anfangsperiode der mittel- und südasiatischen Altertumskunde - und dies ist nun tatsächlich fast[4] völliger Vergessenheit anheimgefallen.

Anlaß für die folgenden Zeilen gibt ein Werk aus der Feder von Carl Ritter, das unter dem Titel "Die Stupa's (Topes) oder die architectonischen Denkmale an der Indo-Baktrischen Königsstraße und die Colosse von Bamiyan" im Jahre 1838 in Berlin erschien. Der Verfasser nannte seine Schrift ausdrücklich "Eine Abhandlung zur Alterthumskunde des Orients". Grundlage des Buches waren Vorträge, welche Carl Ritter im März 1837 in der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften gehalten hatte.[5] Das Thema beschäftigte Ritter über lange Zeit hinweg (dazu später mehr), und er stand darüber auch in gedanklichem Austausch mit anderen Gelehrten, etwa F. W. J. Schelling.[6]

Was die Ritterforschung betrifft, die angesichts der Literaturfülle[7] wohl als ein eigenes Spezialgebiet bezeichnet werden darf, so sieht sich der Verfasser außerstande, hier selbst Beiträge zu leisten. Schaut man sich im jüngeren Schrifttum über Ritter um, so wird man bezüglich einer deutlichen Würdigung von Ritters Buch "Die Stupa's..." enttäuscht. Es spielte weder bei den erwähnten Jubiläumstagungen eine Rolle,[8] noch ist es überhaupt genannt in Hanno Becks Biographie des Gelehrten. Die jüngste biographische Eintragung in einem renommierten Nachschlagewerk bringt den Titel unter Ritters Werken ebenfalls nicht, [9] worin sie aber nur dem Beispiel von Friedrich Ratzels - langem - Artikel zu Ritter in der "Allgemeinen Deutschen Biographie"[10] von 1889 folgt.

Das buddhistische Höhlenkloster Bamiyan zählt zu den berühmtesten archäologischen Stätten Afghanistans, ja ganz Asiens. Mit seinen beiden riesenhaften Felsskulpturen, den dreiundfünfzig und fünfunddreißig Meter hohen Buddhafiguren, hat es zahlreiche Reisende und Forscher angezogen.

So war es zumindest, bis die jüngsten kriegerischen Ereignisse in Afghanistan den Touristen wie den Wissenschaftlern einen Riegel vorschoben und statt dessen besorgniserregende Nachrichten über das Schicksal des Ortes und seiner Denkmäler durch die Medien gingen. 1997 konnte man erfahren, daß bewaffnete Gruppen sich Bamiyan als Munitionsdepot auserkoren hatten und vermeintliche Helden sich auf den Felsmalereien des Klosters inschriftlich verewigen zu müssen glaubten. Schließlich hieß es gar, die neuerdings im Lande Herrschenden hätten Order gegeben, Bamiyan als eine den islamischen Lehren widersprechende Stätte zu zerstören.[11] Die archäologische Erforschung Afghanistans kam allerdings schon 1978 zu jähem Abbruch, als russische Truppen in das Land einrückten. Wie Afghanistan insgesamt, so ist auch Bamiyan mehrfach in seiner Geschichte heimgesucht worden. Der Mogulkaiser Aurangzeb hat im 17. Jh. die riesigen Buddhafiguren mit Kanonen beschießen lassen, was ihm Nadir Shah im 18. Jh. nachmachte.[12] All dies verblaßt vor dem mongolischen Einfall im 13. Jahrhundert, als die Stadt Bamiyan (nicht das Kloster) von Dschingis Khans Kriegern völlig zerstört und die gesamte Bevölkerung ausgelöscht wurde.

Es lassen sich mehrere Etappen der Altertumskunde Afghanistans erkennen. Eine, in der Frühzeit moderner Archäologie, belegt die Jahre zwischen den beiden Weltkriegen. Die bereits erwähnte - wohl die ertragreichste, methodisch sicherste, aber zugleich vorerst letzte - reicht von den 50er Jahren bis 1978. Regelmäßig scheinen die Forschungsperioden ihr Ende gefunden zu haben mit dem Ausbruch von Kriegen, so auch die erste, in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts. Genau genommen geht die Entdeckungstradition natürlich noch weiter zurück; Marco Polo müßte man nennen, unbedingt Alexander den Großen... Für den Verfasser dieser Zeilen ist es von besonderem Interesse, daß am eigentlichen Beginn der Erforschung des afghanischen Altertums - zumindest indirekt - die Stadt Halle Erwähnung finden kann: "Historia regni Graecorum Bactriani"[13], die erste ernstzunehmende Abhandlung von der Geschichte des baktrischen Königreiches der Griechen, jenem bedeutendsten Staate des klassischen Altertums auf dem Boden Afghanistans, verdanken wir Gottlieb (Theophil) Siegfried Bayer (1694-1738), einem Gelehrten, den das Leben mehrfach nach Halle führte, wo er bedeutende Wissenschaftler wie Michaelis und Heineccius traf, besonders aber August Hermann Francke, bei dem er wohnte und zu dessen Stiftungen Verbindung gehalten wurde, auch als Bayer schon als angesehenes Mitglied der Akademie des Zaren Peter in dessen neuer Hauptstadt wirkte. Bayer war es, der die Kunde von den antiken Münzen Afghanistans ins Leben rief. Nach Boris A. Litvinskij steht Bayers Werk "...am Anfang der Forschung und begründete in Rußland die wissenschaftliche Erforschung der alten Geschichte Mittelasiens".[14] Franz Babinger hat Leben und Arbeit Bayers trefflich beleuchtet, sein Werk über die Griechen in Afghanistan in den Kontext der Zeit gesetzt und dessen heute nur mehr rein forschungsgeschichtlichen Wert festgestellt.[15]

Amateure aller couleur bestritten im frühen 19. Jahrhundert die Archäologie Afghanistans; Ärzte ebenso wie Militärs, einfache Reisende und Geheimagenten. Sie lieferten den Stoff für die Wissenschaftler, die sich alsbald daran machten, für Afghanistans Altertumskunde ein beschreibendes Fundament zu liefern. Insbesondere Englands Griff von Indien aus über dessen nordwestliche Provinzen nach Afghanistan hinein, 1841 in der Katastrophe von Kabul kulminierend, brachte Licht in eine bis dahin kaum bekannte Welt, eine terra incognita; und diese Erkenntnisse müssen auch Ritter im Zuge der Neufassung seiner Erdkunde, im Asienwerk, besonders angeregt haben. Neben Mountstuart Elphinstone sind hier insbesondere die Namen von Alexander Burnes, Charles Masson und Martin Honigberger zu nennen. Schon Elphinstone hatte über Bamiyan Nachrichten geliefert, freilich vom Hörensagen her.[16] Alexander Burnes (1805-1841) allerdings befand sich im Mai 1832 mit seinem Reisegefährten Dr. Gerard direkt vor Ort und lieferte in seinen Reiseberichten erstmals Beschreibungen und ein Bild von den kolossalen Buddha-Figuren; [17] die Lithographie "The colossal idols at Bameean" diente Ritter zur Vorlage in den "Stupa's..." ebenso wie einer ganzen Reihe von Wiedergaben im weiteren 19. Jahrhundert.[18] Keine zehn Jahre nach seinem Besuch in Bamiyan wurde Burnes dann beim afghanischen Aufstand in Kabul umgebracht.[19] Gewiß darf Alexander Burnes als der moderne Entdecker Bamiyans gelten, wenngleich vor ihm bereits zwei Engländer durch das Tal zogen, deren Bericht allerdings erst posthum erschien.[20] In Deutschland war es jedoch Carl Ritter, der über die Auswertung der englischen Berichte Kunde von Bamiyan brachte. Und so wird verständlich, wenn noch im Jahre 1900, in der ersten Ausgabe seines vielzitierten Buches über die buddhistische Kunst Indiens, Albert Grünwedel die "durch Ritter berühmt gewordenen Kolosse von Bâmîân..." nennt.[21] Eine der schillerndsten Figuren der frühen Erkundungszeit auf dem Boden des heutigen Afghanistan und Pakistan findet man in Charles Masson, eigentlich James Lewis (1800-1853), der in Indien vom Militär desertierte, später aber als Geheimagent für die britisch-indische Regierung in Afghanistan arbeitete und, en passant, eine Fülle archäologischen Materials zusammentrug. [22] In Bamiyan hinterließ Masson jenen denkwürdigen Autographen, den Hackin wiederfand:

"If any fool this high samooch explore
Know Charles Masson has been here before".
[23]

Gregory Possehl photographierte 1976 in Bamiyan eine Inschrift Massons, allerdings nicht den schönen Spruch, sondern lediglich den Namen des Reisenden und ein Datum (1833?). [24] Die Untersuchungen von Masson in Bamiyan 1832 (-1833?) können als die ersten archäologischen Arbeiten an diesem Ort bezeichnet werden. Charles Masson entdeckte die wichtigen Ruinen in Begram (nördlich von Kabul), wo er tausende von Münzen barg, und er ist auch der Entdecker der bronzezeitlichen Stadt Harappa,[25] freilich ohne deren Bedeutung und Zeitstellung zu erkennen. Bedeutsam sind ferner die von Masson unternommenen Grabungen in afghanischen Stupas,[26] herausragend die Funde von 1834 im Stupa 2 zu Bimaran mit dem gleichnamigen berühmten Goldreliquar.[27] Im Jahre 1833 traf Masson zusammen mit Dr. Johann Martin Honigberger (1795-1869), unter Pharmazeuten und Medizinern wohl bekanner als unter Archäologen. Honigberger stammte aus Kronstadt in Siebenbürgen, war Arzt und Verfasser eines Werkes über medizinisch wichtige Pflanzen.[28] Über Ägypten und Vorderasien gelangte er nach dem Punjab an den Hof des Maharaja Ranjit Singh, zu dessen Leibarzt er aufstieg. [29] Seine (erste) Rückreise von Indien nach Europa führte Honigberger 1833-1834 über Afghanistan, wo er eine Reihe von Stupas öffnete, darunter den bedeutenden Shevaki-Stupa südlich von Kabul.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ist Bamiyan von zahlreichen Reisenden besucht und beschrieben worden; die moderne archäologische Untersuchung Bamiyans setzte allerdings erst ein in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, und zwar durch die Forscher der Délégation Archéologique Française en Afghanistan (DAFA): Alfred Foucher, André und Yedda Godard, Jean Carl, Joseph und Ria Hackin. [30] Auf der Grundlage ihrer Arbeiten in Bamiyan haben Joseph und Ria Hackin 1934 einen Führer zu den Ruinen verfaßt, [31] dem 1939 eine deutsche Übersetzung folgte.[32] Dort heißt es im Vorwort der Verfasser: "Wir freuen uns, mit dem vorliegenden Werkchen die deutsche Öffentlichkeit über den heutigen Stand unsres Wissens von der Bamian-Kunst bekannt machen zu können, gerade ein Jahrhundert nach dem Erscheinen der ersten wissenschaftlichen Spezialarbeit über diesen Gegenstand; wir meinen Carl Ritters Buch..."[33] Eine böse Ironie des Schicksals: Nur wenig mehr als zwei Jahre später, auf erneutem Weg in den Orient, versanken die Hackins mit dem Schiff "Jonathan Holt" am 20. Februar 1941 nach deutschem Torpedobeschuß im Atlantik...[34]

Der gegenwärtigen Afghanistan-Forschung scheint das Rittersche Pionierwerk nicht mehr erwähnenswert zu sein: So wird das Buch in den letzten großen Monographien über die Denkmäler von Bamiyan nicht genannt,[35] die wichtigste Bibliographie zur Archäologie Afghanistans, in der 138 Arbeiten allein über Bamiyan verzeichnet sind, enthält keinen Verweis auf Ritter und seine Monographie[36] und sogar das einzige moderne Handbuch der Archäologie Afghanistans, in dessen Einführung auch die Erforschungsgeschichte abgehandelt ist, verzichtet auf eine Notiz über Ritter.[37] Das war allerdings nicht immer so. Wie wir bereits sahen, hoben die französischen Erkunder Bamiyans Carl Ritter entschieden hervor, und die von Grünwedel stammende Hervorhebung Ritters haben wir gleichfalls schon hingewiesen.

Unter den zeitgenössischen Indienforschern fanden Ritters Verdienste wohl Anerkennung, unbestreitbar jedenfalls sein Asienwerk. Mit dem Büchlein über Bamiyan und die Stupas hat sich aber schon damals offenbar nicht jeder anfreunden können. Als besondere Autorität galt Christian Lassen,[38] der im Erscheinungsjahr des Ritterschen Buches ein Werk "Zur Geschichte der Griechischen und Indoskythischen Könige in Baktrien, Kabul und Indien" veröffentlichte.[39] Lassen bekam Kenntnis von Ritters gerade erschienenem Buch erst bei Drucklegung seines eigenen letzten Bogens, wo er darauf aufmerksam macht [40] und die von Ritter geltend gemachte buddhistische Herkunft der "Topen" (Stupas) bestreitet, was er schon an früherer Stelle im gleichen Werk getan hatte, dort allerdings mit Hinweis auf die Ansichten, "...die ein berühmter Deutscher Gelehrter über sie vorgetragen hat."[41] Dieser berühmte Mann ist natürlich niemand anderes als Ritter und der Bezug gilt entweder dessen Akademievorträgen über das Thema oder den bereits der Öffentlichkeit zugänglichen Ausführungen, welche in einem Exkurs des Asienwerkes 1837 erschienen waren: Bemerkenswert, daß Lassen hier jeglichen Hinweis auf letzteres unterläßt, ganz im Gegensatz zu seiner berühmten "Indischen Alterthumskunde",[42] wo nun aber wieder an den relevanten Stellen, nämlich über nordwestindische Stupas und das Felsenkloster Bamiyan, keinerlei Hinweis auf Ritters Spezialabhandlung auftaucht[43]. Ganz anders steht es mit einer weiteren indologischen Autorität dieser frühen Jahre: Theodor Benfey hat 1840 in seinem großen Indien-Artikel zur "Encyclopädie der Wissenschaften und Künste" (dem "Ersch-Gruber") Ritters Asienwerk ausgiebig herangezogen und auch dessen Buch über "Die Stupa's..." mehrfach genannt. Gelegentlich seiner Diskussion dieser Bauten verweist Benfey sogar ausdrücklich "...auf die ausgezeichnete Monographie von C. Ritter..." [44] Mehrfach greift Carl Friedrich Koeppen, Verfasser einer seinerzeit sehr geschätzten Geschichte des Buddhismus (1857), im Zusammenhang ausführlicher Darlegungen zu den Stupas[45] auf Ritters Buch zurück.[46]

Die Numismatiker haben von Ritters Ausführungen wenig Notiz genommen. In diesem Zusammenhang wäre vorzüglich Carl Ludwig Grotefend zu nennen, der unmittelbar auf Lassens "Geschichte der Griechischen und Indoskythischen Könige" eine dem gleichen Thema gewidmete Monographie folgen ließ. [47] Der Sohn des berühmten Entzifferers der Keilschrift bezieht sich hierin intensiv auf Lassen, ohne Ritter eines Wortes zu würdigen. Horace Hayman Wilson faßte 1841 den Forschungsstand zur Numismatik Afghanistans und zu den Ausgrabungen von Stupas in seinem großen Buch "Ariana Antiqua" zusammen. Dort würdigt er ausdrücklich die Arbeiten von Lassen und Grotefend,[48] Ritter jedoch, "...the celebrated geographer...", erfährt nur eine marginale Notiz gelegentlich der Diskussion um die Lokalisierung von Alexandreia im Kaukasus (Hindukush).[49] Alfred von Sallet legte mit seiner Schrift über "Die Nachfolger Alexanders des Grossen in Baktrien und Indien",[50] zwanzig Jahre nach Ritters Tod erschienen, ein klassisches Referenzwerk vor, das noch erheblich bis in das nächste Jahrhundert hinein als solches Bestand hatte.[51] Im selektiven Literaturverzeichnis taucht Ritter natürlich nicht auf;[52] nur versteckt, in einer Fußnote, wird auf sein Buch hingewiesen,[53] wo es um den Datierungswert gemeinsamer Funde von römischen Münzen mit solchen der Kushana in den Stupas geht.[54] Mit scheint allerdings, daß v. Sallet sich einer Abbildung aus Ritters Schrift bedient hat, ohne dies zu vermerken.[55] Unsere kurze Sichtung der Wirkung Ritters im indologisch-numismatischen Feld soll hier nicht weitergetrieben werden. Vielleicht aber mag noch ein Hinweis auf Ernst Windischs fundamentalen forschungsgeschichtlichen Abriß von 1917 angebracht sein, wo auch des Geographen Schrift über "Die Stupa's..." genannt wird, und zwar unter Hinweis auf die lobende Nennung durch Benfey (s.o.).[56]

Die erstaunliche Intensität, mit der sich Carl Ritter dem Orte Bamiyan widmete, bedarf wohl einer Erklärung. Wenngleich diese eigentlich eher Berufeneren aus dem Kreise der Wissenschaftsgeschichte der Geographie anstehen sollte, so seien hier doch einige kurze Anmerkungen gestattet.

Zunächst fällt auf, daß Carl Ritter in seiner langjährigen wissenschaftlichen Arbeit immer wieder auf Indien und seine Grenzgebiete nach Mittelasien, auch Bamiyan, zurückgekommen ist. Welche Bedeutung er diesen Räumen nicht nur rein geographisch, sondern auch kulturgeschichtlich beimaß, ergibt sich schon aus dem ihnen zugedachten Umfang in der Neufassung der "Erdkunde".[57] Interessant scheint in diesem Zusammenhang auch, daß Ritters erster von seinen überaus zahlreichen Vorträgen als Mitglied der Königlichen Akademie in Berlin ein indisches Thema hatte.[58] Bamiyan selbst ist schon in der ersten Auflage des Ritterschen Hauptwerkes, seiner "Erdkunde", präsent,[59] hauptsächlich unter Berufung auf Elphinstone. [60]

Edgar Lehmann bemerkte zu Ritters asiatischen Intentionen: "Daß sich RITTER den asiatischen Ländern als Untersuchungsobjekt zuwendete, entsprach gewiß (...) einer Zeitströmung, die zum Beispiel die Brüder SCHLEGEL (...) veranlaßte, die Indologie in Deutschland beflügelnde, insbesondere die vergleichende Sprachwissenschaft anregende Schriften herauszugeben."[61]

Für den indischen Kontext muß besonders auf das im Jahre 1820 erschienene Werk "Die Vorhalle Europaeischer Voelkergeschichten" hingewiesen werden. [62] Wie Heinrich Schmitthenner erklärte, handelt es sich dabei um "...ein seltsames Buch, ein echtes Produkt der Romantik, angeregt durch A. W. v. Schlegel und G. F. Creuzer. Es war ein Fehlschlag, weniger weil die Grundannahme unrichtig war, Indien sei der älteste Sitz der Kultur; es lag vielmehr daran, daß Ritter mehr sagen wollte als man sagen und wissen konnte. (...) Der Verfasser wollte dartun, daß eine sittlich hochstehende Kultur, 'die Religion des alten Buddha' durch indische Priesterkolonien vor der historischen Zeit der Griechen die Länder um den Pontus, Thrakien, die Donau empor, viele Gegenden des westlichen Europa und 'ganz Griechenland selbst' mittelbar und unmittelbar besetzt habe..."[63] Ritter äußerte in der "Vorhalle" die allzu kühne Behauptung: "Der eigentliche Sitz indischer Bildung und Sage ist in dem nördlichen Theile des indischen Landes - oder, ließe sich hinzusetzen, wahrscheinlich das Baktrische Hochland zwischen Indien, Persien und den Gihon-Quellen, wo sich alles vereint zu einem gemeinsamen Ursprung unseres Glaubens, Wissens und unserer Historie."[64] Ungeachtet damals wie heute zu konstatierender Zweifelhaftigkeit wirft diese Formulierung doch ein bezeichnendes Schlaglicht auf Ritters Ansichten und auf die Rolle, die er dem erwähnten Gebiet und sonderlich Bamiyan darin zumaß. "Die Vorhalle..." traf auf weitgehendes Unverständnis: "Die entstehende Indologie hat das Buch schweigend abgelehnt", [65] August Wilhelm von Schlegel äußerte sich brieflich vernichtend darüber.[66] Dies steht in einem gewissen Gegensatz zu den späteren "Stupa's...", die sehr wohl Beachtung fanden. "Die Vorhalle" erfuhr keine, obgleich ursprünglich geplante, Fortsetzung. Das Buch über "Die Stupa's..." von 1838 aber ist schon durch den Untertitel "Eine Abhandlung zur Alterthumskunde" verknüpft mit dem 1820 in gleicher Weise genannten Werk "Die Vorhalle...".[67] Ritter selbst weist in den "Stupa's..." 1838 nicht ausdrücklich auf die inhaltliche Beziehung beider Bücher, doch hat er im 1837 erschienenen VII. Teil seiner neuen "Erdkunde" ja ebenfalls über Bamiyan und die "Topen" gehandelt. Und dort nun sagt er zu Bamiyan, daß "...diese merkwürdige Localität Central-Asiens, die vor einem Jahrzehend nur noch in Dunkel und Fabel gehüllt, doch schon nicht wenig unsere Aufmerksamkeit auf sich zog und zu nicht unwichtigen Betrachtungen führte", wobei er sich direkt auf die Originalausgabe der Erdkunde und auf "Die Vorhalle..." bezieht.[68] Ernst Kirsten hat in seiner Studie über "Die Vorhalle..." auf den nämlichen Umstand nochmals deutlich aufmerksam gemacht.[69] Zu betonen bleibt, daß es die wichtigen Entdeckungen der Engländer auf dem Territorium des heutigen Afghanistan und Pakistan waren, die Ritter im Zuge der Erarbeitung der neuen Ausgabe seiner "Erdkunde" veranlaßt haben, jener Kreuzung der Kulturwelten nicht nur in seinem Hauptwerk gebührende Aufmerksamkeit zu schenken, sondern darüber hinaus das Ganze monographisch, und dabei auch mit jetzt erst verfügbaren, charakteristischen Abbildungsbeilagen versehen, der interessierten Öffentlichkeit in Deutschland vorzustellen. Darüber hinaus könnte man natürlich fragen, inwieweit Ritters indische Interessen noch vor die Erstfassung der "Erdkunde" zurückreichen. Diesbezüglich böte sich auch ein Blick auf die Stadt Halle an, wo Ritter ja in den Jahren 1796 bis 1798 studierte. [70] Damals hörte er hier bei der größten Autorität für Ostindien, Matthias Christian Sprengel, [71] der jedoch zu Ritters hallischen Zeiten gerade keine den bewußten Gegenstand betreffenden Lehrveranstaltungen abhielt.[72]

Kaum jemand konnte trefflicher die Bedeutung Ritters für die Erforschung Zentralasiens vorführen als Ferdinand Freiherr von Richthofen im einleitenden Bande seines Werkes über China. Dort liest man: "RITTER's Asien ist ein Wunderbau. Wenn einige das Werk als eine Compilation bezeichnet haben, so haben sie damit nur ihren Mangel an Verständniss für die Methode bewiesen; denn mit gleichem Recht wäre jedes Geschichtswerk eine Compilation zu nennen, während RITTER, wie der wahre Historiker, stets auf die letzten literarischen Quellen zurückgegangen ist und den mit unsäglicher Arbeit aus tausenden derselben gesammelten Stoff ebenso philosophisch als kritisch verarbeitet hat. Die Fülle der Ideen, welche die allgemeine Darstellung kennzeichnet und die eingestreuten monographischen Abhandlungen über einzelne Gegenstände belebt, hat die Anregung zu weiterer Entwickelung gegeben, während der angehäufte Stoff an positiver Kenntnis eine Fundgrube von Allem geworden ist, was bis zu dem Erscheinen eines jeden einzelnen Bandes in allen civilisirten Ländern über die dargestellten Gebiete gearbeitet worden war. Für China und Central- Asien (...) ist RITTER's Asien ein Monumentalwerk von nicht genug zu schätzendem Werth..."[73] - Wir erlauben uns die Ergänzung, daß eine jener "eingestreuten monographischen Abhandlungen", welche Bamiyan und die nordwestlichen Stupas zum Gegenstand nahm, von Ritter selbst hervorgehoben durch die Auswahl zur erheblich erweiterten separaten Veröffentlichung, ein Klassiker der archäologischen Erforschung Afghanistans genannt werden darf.

Abbildungen

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  1. Carl Ritter
  2. Umschlagtitel von Carl Ritter, "Die Stupa's..."
  3. Alexander Burnes
  4. Bamiyan nach Burnes
  5. Johann Martin Honigberger
  6. Bamiyan nach Charles Masson
  7. Joseph Hackin
  8. Gefahren der Archäologie
  9. Blick auf Bamiyan

Copyright of text by Markus Mode. This is an online preprint. Printed version to appear in 1999. All rights reserved. No part of the text may be reproduced, in any form or by any means, without permission of the author. 10 Feb, 1999